Harry Marte & Big Pit

Ort und Zeit
  • Do, 20. Feb 2014, ab 20.30 Uhr
  • Eintritt: 15,-/11,-
  • Kantine
  • Konzert

Schon das Albumcover von A Blue Line lässt keine Zweifel offen: man wird hier wohl kaum auf 80ies Synthesizer Pop oder Garage-Rock aus Seattle stoßen. Noch auf irgend ein Elektro-Blues-Gangnam-Konstrukt aus Berlin. Hippness-Faktor? Null. Oder vielleicht Hundert (!) – je nach dem, ob man bereit ist, sein gängiges Weltbild über den Haufen zu schmeißen.

Harry Marte & Big Pit spielen Americana-Folk, Blues und Country mit einer Prise Rock´n´Roll. Wohlgemerkt aus Österreich und der Schweiz (Alpenland!!!) stammen die 4 Musiker, und nicht aus Arizona, Tennessee, Texas oder Colorado. Und trotzdem klingen sie so sehr nach Wildem Westen, dass man meinen könnte, sie hätten zu viel Speck mit Bohnen gegessen. Es gibt gute Gründe dafür.

Fangen wir mit Harry Marte, dem Songwriter und Sänger, dem Bandleader, an. Geboren 1956. Mit seinem wilden Schopf und seinen blauen Augen hat der 18 jährige Marte vor allem immer über den großen Teich geschaut, was seine musikalischen Vorlieben betraf: Bob Dylan, Johnny Cash und später John Hiatt und Chris Whitley haben ihn beeinflusst. Filme wie Easy Rider oder Literatur von Cormac McCarthy weckten in ihm die Sehnsucht nach dieser allumfassenden Freiheit des Westens, die zumindest damals, in den 70igern, also dem Jahrzehnt seiner Jugend, in der Alten Welt propagiert wurde. Relativ spät, nach rastlosen Jahren in der Fremde, Anfang 30, fing er allerdings an, Gitarre zu spielen, Songs zu schreiben. Er entschied sich zunächst für eine Karriere als Graphiker, Ideen-Scout und Artworker. Allerdings hat er nie damit aufgehört, in seinen musikalischen Geschichten aus dem Alltag zu flüchten. „Wie er in sich hineinschaut, wenn er die linke Hand um den Hals seiner Martin legt und die Finger der rechten in die Saiten greifen: in wenigen Sekunden Ruhe ruft er die Welt auf, über die er gleich singen wird.“ So klar beschreibt Michael Köhlmeier, Marte Freund und Fan diesen Moment. Und in der Tat – nur schon die Physiognomie dieses Silberwolfs lässt erahnen, dass er weiß, wovon er singt, wenn es in einem seiner Lieder heißt: „Fate dangels by a honey colored thread of silk ...“

Martes Songs erlauben Einblicke in eine Seele, die schon vieles erlebt hat – manchmal auch substituiert durch die Protagonisten seiner Songs, weil es dadurch für ihn vielleicht erträglicher wird, so nahe am Kern der Sache zu sein, die er gerade besingt. Mit seiner Statur erinnert er eher an einen Ringer (oder Krieger?), als einen Barden, der sich nicht scheut, über die Zerbrechlichkeit der menschlichen Würde zu sinnieren, und Metaphern verwendet wie z.b. „When both sides of your lovely nose, twitch like the wings of a dying butterfly“ ... man kann es also drehen und wenden wie man will: Diesem Mann nimmt man jedes einzelne Wort ab, das aus seiner knarzenden Kehle dringt. Marte ist wie der Wind, der einem am Bug eines Ozeandampfers ins Gesicht prescht. Frisch, salzig und präsent.

Die Musiker, die sich nun um Harry Marte scheren, sind allesamt eine Generation jünger, aber gleichermaßen beeinflusst von der Musik des Westens, vom Blues, Bluegrass, Jazz und den legendären Songwritern. Wesentlich kritischer ist der Blick dieser Männer in den Westen und die Träume der Generation Martes, die Inspiration der Musik ist dieselbe. Die Interpretation ist eine andere. Kreativ und unkonventionell gehen Big Pit an Martes starke Geschichten und formen farbige Bilder des Lebens über Einsamkeit, Liebe, Tod und Teufel. Sie allesamt schauen auf zu Marte, die gestandenen Musiker, mit allen Wassern gewaschen, zu ihrem Häuptling, Schamanen, Geschichtenerzähler, der schon einigen Vorsprung im Fluss des Lebens hat.

Claude Meier und Urs Vögeli, Eidgenossen an Bass und Gitarre, kompromisslos in ihrer musikalischen Ausrichtung, schaffen die Weite, den harmonischen Teppich, auf dem sich Martes Songs ausbreiten und in den Zuhörer eindringen. Alfred Vogel am Schlagzeug scheppert und rappelt in bekannter Manier und weckt damit die Geister und Zwischenwelten in Martes Poesie. Hendrix Ackle als Gast fusioniert die geschmeidigen Klängen eines Fender Rhodes Pianos mit Big Pit, ebenso Shirley Grimes mit sehnsüchtigen Backingvocals auf dem Titel Track A Blue Line und Naked Ride.

Und – oh ja!!! – das klingt alles nach Americana, Folk, Country und etwas Rock´n´Roll. Live soll das sogar immer etwas anders klingen, jedes mal neu, einzigartig, aber immer original und gleichermaßen analog.

Darf man das? Aus den Tälern der Alpen kommend?

Big Pit sagt da bloß: We don't give a damn!!!
Und: Grüezi und uf wiederluga!!

www.harrymarte.com/bigpit

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Video-Playlist: Harry Marte & Big Pit