Spielbodenchor

Der Spielbodenchor ist Teil des Dornbirner Spielbodens und fungiert als dessen Gesangsensemble. Derzeit besteht er aus ungefähr 35 Sängerinnen und Sängern, die wöchentlich ein Mal proben, dazu kommen mehrere Auftritte zu ausgesuchten Veranstaltungen in und außerhalb Vorarlbergs (u.a. Lindau, Konstanz, Innsbruck, Salzburg, Graz, Wien, Istanbul). Der Chor wurde 1987 gegründet und hat sich in den Jahren seines Bestehens den Ruf erworben, gerne Experimente einzugehen. In regelmäßigen Abständen tritt er auch mit eigenen abendfüllenden, konzeptionellen Chorprogrammen auf. Die Chorliteratur wird nach einem vom Chor gemeinsam gefundenen Thema ausgesucht und/oder Auftragswerke dazu an AutorInnen und KomponistInnen (vorwiegend) in Vorarlberg vergeben. Dabei werden zumeist aktuelle Themen kritisch aufgearbeitet und auf die Bühne gebracht.

Chorvorstand:
Armin Lenz (Obmann), armin.lenz@aon.at
Bettina Rein (Chorleitung), bettina.rein@aon.at
Luzia Baumgartinger (Organisation), luzia.b@gmx.at
Siggi Wiehl (Finanzen und Stimmenvertretung Tenor)
Andrea Hämmerle (Zeugwartin - Noten, Kostüme)
Anne Mäser (Stimmenvertretung Sopran)
Brundhilde Häußle (Stimmenvertretung Alt)
Winfried Häfele (Stimmenvertretung Bass)

Organisation und Anmeldung
Luzia Baumgartinger, luzia.b@gmx.at

Künstlerische Leitung:
Bettina Rein, bettina.rein@aon.at

Mitgliedschaft:
Aufnahme: InteressentInnen melden sich bitte bei Luzia Baumgartinger, siehe Organisation
Mitgliedsbeitrag monatlich (Dauerauftrag): 10 € – 30,- €
Probezeiten: Dienstag, 19.30 – 21.45
Probelokal: Spielboden Dornbirn
Sommerseminar: Mehrtägig, jährlich Ende August

 

Wichtige Programme: 2016 - 1988:

NEBENWIRKUNGEN
Oder: Der Spielbodenchor rettet die Welt auch nicht

Text und Regie: Barbara Herold | Musikalische Leitung: Bettina Rein
Mit dem Spielbodenchor und Helga Pedross

Eine selbstironische Revue über das Älterwerden, die heilenden Kräfte des kollektiven Singens und die unerwünschten Begleiterscheinungen des menschlichen Daseins.

In seinem neuesten Programm beschäftigt sich der Spielbodenchor mit den Kollateralschäden des Weltgeschehens. Warum? Weil die Welt zwar schon länger alt aussieht als der Chor, in Atem gehalten von Kriegen, Umweltkatastrophen und kollabierenden Banken, deren Auswirkungen alle kennen. Der Chor wirft ein scharfes Auge auf die dabei auftauchenden unerwünschten Nebenwirkungen und sieht sich selbst mit jenen des unvermeidlichen Alterns konfrontiert.

Zu seinem Glück begleitet seit kurzem die flotte 24h-Betreuerin Hilde den Chor und mildert die schlimmsten Verwerfungen des Älterwerdens. Musikalische Unterstützung erhalten sie und der Chor dabei von Rolf Aberer, Hans Albers, Hanns Eisler, Josef Hader, Georg Hering- Marsal/Hannes Grabher, Udo Jürgens, Bettina Rein, Ernst Toch, den Wise Guys und Haimo Wisser.

Räsoniert der Chor zu Beginn noch über MRT, Herzkatheter und Szintigramme und die dabei zu entdeckenden Wehwehchen, so wird er mit Fortgang des musikalischen und szenischen Geschehens immer (alters)weiser. Er sieht ein, dass er die Welt nicht retten kann, und schickt sich ins Unvermeidliche. Das geschieht mit einer gehörigen Portion Selbstironie und leisem Humor, manchmal auch mit brachialer Klarheit. Zum Schluss bleibt die Erkenntnis: „Wir glaubn, wir wärn viel gscheiter, und sind doch leis‘ wie Staub“.

Wer also immer schon nicht nur wissen wollte, was in der Welt passiert, sondern auch über die Nebenwirkungen dessen, ist in diesem Programm richtig. Denn es gilt: Zu Risiken und Nebenwirkungen lesen Sie weder die Packungsbeilage, noch fragen Sie ihren Arzt oder Apotheker, sondern den Spielbodenchor.

Nebenwirkungen.png

Weitere Informationen zum Projekt: Hier


Der Junge im Baum
ein Theaterstück von Annette Raschner, theater zwischentöne und Spielbodenchor

Der Spielbodenchor begleitet, ständig die Rollen wechselnd,  singend und schauspielernd, aggressiv und voyeuristisch, klamaukhaft und bieder ein Theaterstück, das zum Thema „sexueller Missbrauch“ in poetischer Art und Weise Stellung bezieht. Dabei stehen nicht die Täter, sondern die  Reaktionen des Umfelds auf die Nöte, die Verzweiflung aber auch die mögliche Befreiung und Entwicklung des Opfers im Vordergrund.

Text: Annette Raschner
Regie: Dagmar Ullmann-Bautz
Spielbodenchor
Leitung: Bettina Rein
Kompositionen: Rolf Aberer

Der Junge im Baum.jpg


Weitere Informationen zum Projekt: Hier


Wie im Himmel so in Vorarlberg - Ein Blick über das Land
Die Landschaftsinstallation Horizon Field des Künstlers Anthony Gormley gab dem Impuls zur neuen Produktion des Spielbodenchors „Wie im Himmel, so in Vorarlberg“. Aus über 50 Interviews mit Menschen in Vorarlberg – solche, die im Land geboren wurden, die hergezogen waren, die wegzogen oder im Grenzgebiet leben – entstand das Libretto der Vorarlberger Schriftstellerin Daniela Egger. Vier Komponist/innen vertonten die kritischen, humorvollen und satirischen Betrachtungen über Land und Leben in Vorarlberg: Bettina Rein,Hildegard Großsteiner, Herwig Hammerl und Rolf Aberer. Jugendliche Rapper und Hip Hop Tänzer brachten ihre Sprache, ihren Rhythmus und vor allem ihre Sicht auf das Land Vorarlberg ein, die Künstlerin Kirsten Helfrich gestaltete Bühne und Bildprojektionen – und alles verflocht sich zu einem Gesangs,- Bewegungs,-Klang- und Bildereignis, das unter der Regie von Daniela Egger einen erfreulich leichtfüßigen Blick über den Vorarlberger Tellerrand erlaubte. Mit dem Teleskop wurden einzelne Stimmen aus einer Textfläche herangezoomt, die eigenwilligen Kompositionen entbehrten nicht deutlicher Ecken und Brüche, die dem ohnehin für unorthodoxe Auftritte bekannten Spielbodenchor einiges abverlangte.

Dass dabei auch das Publikum nicht ganz ungeschoren davon kam, lag am Thema des Stückes – so musste es zumindest als Horizon Field fungieren. Weil auch hier wie im Himmel gilt: Niemand ist eine Insel. Was in einem Land geschieht, gedacht und getan wird, wird von allen mitgetragen. Da helfen humorvolle Ausflüge zur Relativierung der aus den Fugen geratenen Größenverhältnisse ungemein – und sei es nur für die Dauer eines Abends mit dem Spielbodenchor.

Gesang: Spielbodenchor
Chorleitung: Bettina Rein
Rap: Dario & Esik düV
HipHop: Westend Kids/Massimo Aspirante

Text und Regie: Daniela Egger
Kompositionen: Bettina Rein, Hildegard Großsteiner, Herwig Hammerl und Rolf Aberer
Bühne: Kirsten Helfrich



West-Östlicher Diwan
Eine Produktion von Spielbodenchor, Yunus-Emre-Chor und Theatergruppe Motif
„Wer sich selbst und andere kennt, wird auch hier erkennen: Orient und Okzident sind nicht mehr zu trennen.“ (J.W. Goethe)
Anfang 2008 regte der Spielbodenchor die Gründung eines türkischen Chors am Spielboden an, um ein Gegenüber für ein Stück zum Thema „Orient und Okzident“ zu gewinnen. Gemeinsam mit der türkischen Jugendtheatergruppe Motif erarbeiteten die beiden Chöre das Projekt „West-östlicher Divan“, in dem Geschichten zur Geschichte der beiden Länder Türkei und Österreich erzählt werden.
Durch den musikalischen Dialog der Chöre rücken Istanbul, Wien und Vorarlberg näher zusammen. Im spannenden Wechsel von Erzählung, Musik und Theater spürt der Abend den gemeinsamen Wurzeln unserer Kulturen nach, um Goethes Erkenntnis mit Leben zu erfüllen und eine Brücke in die Gegenwart zu schlagen. Im Rahmen des Konzertes werden zwei Kompositionen von Murat Üstün uraufgeführt.
Spielbodenchor
Leitung: Bettina Rein
Yunus-Emre-Chor
Leitung: Aydin Balli
Theatergruppe Motif
Leitung. Yener Polat
Regie: Barbara Herold
Idee und Konzeption. Günther Hagen
Kompositionen: Murat Üstün

Exposé
Das Thema Orient – Okkzident ist seit Jahrhunderten ein teils kriegerisches in der Tat jedoch weitaus überwiegend sehr fruchtbares kulturelles Spannungsfeld, welches wert ist, besonders angesichts der heutigen Migrationssituation und der aufgereizten Religionsdebatte (Christen – Muslime – aufgeklärte Gesellschaft) in bescheidener Annäherung an die Goethesche Auffassung eines respektvollen Dialoges und eines wechselseitigen Vernehmens und Lernens für die Gegenwart aufbereitet zu werden.


Eine chorische Aufbereitung scheint hier äusserst reizvoll zu sein.         

a)    Was sind Klischeebilder und was sind historische Fakten im Verhältnis Orient – Okkzident,  oder speziell Österreich – Türkei? Ist hier nicht Aufklärungsarbeit nötig?  Was sind historischeFakten ohne nationalistische Schönung oder Diffamierung?
b)    Wieviel kann szenisch in Chor und Gegenchor aufgeladen und in gemeinsamem Singen wieder gelöst werden? Vorläufig schwebt uns da eine Inszenierung vor, wie sie vom SPIELBODENCHOR
schon mehrfach durchgeführt wurde („Der Wagen rollt“, „Recht auf Faulheit“ etc.)

Stichworte und ein paar Daten:
Historische Überlagerungen und Ungleichzeitigkeiten: Antike – Christentum- Islam, arabische Kultur – Klösterkultur – Aufklärung – Industrialisierung – Feudalstaaten, Diktaturen u.Demokratien . Dazu kommen die Überlagerungen verschiedenster Volksgruppen, Bevölkerungsschichten und ihre Bedrohungen ......

Österreich hatte mit dem osmanischen (türkischen) Reich eine besonders delikate Situation und jahrhundertelang eine gemeinsame zum Teil 1800 km lange Grenze – was vielen heute gar nicht mehr bewußt ist. In nebuloser Erinnerung ist nur die zweite Türkenbelagerung von Wien 1683, die erfolgreich entsetzt wurde. Es gab aber nicht nur Kriege gegen die Türken sondern auch militärische Allianzen z.B. im I.Weltkrieg 1914-1918. Es gab und gibt noch bis heute eine über ein Jahrhundert dauernde Zusammenarbeit aus der Zeit der Habsburgermonarchie (St.Georgs-Kolleg in Istanbul, die Zusammenarbeit der österr. und der türk.Forstverwaltungen  und als besonderes Paradebeispiel, das in Europa wohl seinesgleichen suchen muß: Die über ein Jahrhundert dauernde Zusammenarbeit der archäologischen Institute, die wohl ihren Höhepunkt fand in dem von österreichischen Archäologen und Baumeistern durchgeführten und auch finanzierten Wiederaufbau der KELSOS-BIBLIOTHEK in EPHESUS: Angesichts der derzeit üblichen medialen Abwertung der Türkei und der z.T. berechtigten Kritik an bestimmten Fakten in der heutigen Türkei (Kurden-, Religions-, Nationalitätenpolitik ) ist es angezeigt, auf historische und zeitgenössische kulturelle Impulse hinzuweisen, die für alle eine Bereicherung bedeuten können: Wieviel kultureller Austausch hat früher stattgefunden? Wie hat die arabische Kultur Europa bereichert? (Algebra , Alchemie; Averroes und Avicenna……) Was ist umgekehrt von Europa gerade ins Osmanische Reich zurückgeflossen ausser der Donau? War es nur die Technik, die Eisenbahn, oder sehr verspätet der Buchdruck? Wie steht es mit der Aufklärung – im Orient wie im Okkzident? Was ist das Klischeebild des Orients bei uns? (Harem, Serail, Scheherezade, Krummsäbel und Janitscharen), was das Klischeebild im Orient (Goldener Westen, böse Ungläubige??) Wie stark war der Kulturaustausch wirklich? Ein  Fremdwörtervergleich: Arabische Lehnwörter im Deutschen, französische Lehn-oder Fremdwörter im Türkischen!

Die eigene Kultur(geschichte) wird einem erst so richtig bewußt, wenn sie in Konfrontation gerät mit anderen Kulturen. Dazu muss man sich aber in diese hineintasten. Bei einer Reise in die Türkei kann dann plötzlich das verblüffende Aha- Erlebnis eintreten, dass man auf die Spuren der eigenen Kulturgeschichte gerät: Römische Theaterbauten, antike Tempel und Stadtmauern, die Kodifizierung des unser heutiges Privatrecht maßgeblich bestimmenden römischen Rechts in Konstantinopel, dem heutigen Istanbul, die Definition wesentlicher Glaubenswahrheiten für das christliche Abendland in Konzilien von Nicäa (Isnik), Konstantinopel (Istanbul), Ephesus (Efes) etc.,d.h. alles rund um Istanbul – dem damaligen Ostrom (Wiedergegeben im Deckengemälde der weltberühmten Stiftsbibliothek von St.Gallen); die Reiserouten des Apostels Paulus quer durch Kleinasien und nicht nur durch Palästina und nach Rom;  byzantinische Mosaiken und Malerei, die bis in unseren Bereich wirkten (s.anlässlich unserer Klösterreise Marienberg im Vinschgau und Müstair im Münstertal, Beuron im Schwarzwald). Welche Schätze birgt und bewahrt die Türkei aus der Antike (Hierapolis, Aspendos, Aphrodisias,Theodosius- Mauer, Ephesus); aus der byzantinischen Zeit (Kappadokiens Felsenkirchen, Hagia Sophia, Eirene- u. Chorakirche in Istanbul etc.); was schufen die Osmanen ( Blaue Moschee, Topkapi Sarayi etc.)? Ist es nicht wert auf Spurensuche zu gehen – sowohl für einen Westler, wie für einen Türken? Wie kam es zu Goethes „West-östlichem Divan“? Was wäre die heutige Entsprechung dazu? Kann die heutige Geschichtschreibung einiges erklären, warum in Österreich der Patriotismus zwar nicht groß, die Fremdenabwehr aber bedeutend ist, warum aber andrerseits die kemalistische Türkei einen ziemlich engen Türkei-Nationalismus pflegt? Sind diese Mentalitäten mit der oben zitierten Kulturbasis vereinbar?

Angesichts solcher Fragen war und ist es wert und sogar notwendig, das Thema in einer Art „work in progress“ aufzuarbeiten. Ein Teil davon ist die Türkei - Studienreise, um damit mehr Sensibilität für die  Gesamt-Zusammenhänge zu bekommen, etwas historisches Grundwissen, ein Gefühl für die musikalischen, ja allgemein kulturellen Unterschiede, aber auch Sympathie für das Land und seine Leute.

Stichworte, die stechen:  Zuwanderung, Überfremdung, „dahaam statt Islam“, „Östarrääch den Östarräächern“, Türkenbelagerung !, „Kärnten muss einsprachig werden“, Kurdenfrage, Menschenrechte, Sozialschmarozer, Minarette höher als der Stefansdom .....
Stichworte, die Wohlbefinden erzeugen: Antalya, Marmaris, Bodrum – Halikarnass; Lamacun, Köfte, Döner Kebab, Ayran, Sauerrahm, Lamm am Spiess; Hamam .......

Da bemerken wir plötzlich, dass sich in den letzten 20 - 25 Jahren eine schizophrene Wahrnehmung eingeschlichen hat, die auch politisch instrumentalisiert wurde: Der gute Fremde vom Sommerurlaub, dessen Kultur man gerne genießt – und der bedrohliche Fremde, der mir weiss Gott was alles  antun will. Aber, wir wissen ja: Fremd ist der Fremde nur in der Fremde. Gerade mit den Türken sind wir gar nicht so verfremdet. Allein die traditonelle Sprache verrät da einiges bei Ausdrücken wie Turban (tülbent = Kopfbedeckung), Kiosk (kösk = Pavillon), Schakal (cakal) etc.oder bei Lehnwörtern wie Dudelsack von düdük = Sackpfeife. Verständlicherweise hat besonders der Wiener Dialekt viele Worte türkischer Herkunft, aber auch z.B. „Kruzitürken“ – weil Wien und der ganze Südosten besonders im 18. Jht.viel zu schaffen hatte mit den Überfällen der Kuruzzen (ungar.Aufständische) und den Türken. Und die Redewendung: „das kannst du dir auf den Hut stecken“ dürfte von den Janitscharen kommen, die ihre Orden in Form wertloser Silberplättchen auf ihren Hut hefteten.

Die verblüffendste Parallele ist jedoch die der Habsburgischen und der Osmanischen Langzeitherrscher:

Habsburgische Herrschaft (über die Erblande) 1278 bis 1918

Osmanische Herrschaft -  „  - 1289 bis 1923
Und dazwischen liegt der ganze Balkan als wechselseitig umstrittenes Herrschaftsgebiet. Dabei betrieb und betreibt heute noch jedes Land seine eigene, geschönte Geschicht- schreibung – wir werden es ja wohl in den nächsten Tagen erleben bezüglich Türkei. Im eigenen Land wissen wir es ja, sofern wir es wissen. Aber die Serben waren für die Österreicher nicht immer die „bösen Serben“. Vielmehr
wurden sie nach dem Serbenaufstand gegen die Osmanen 1804 freudig aufgenommen und als Wehrbauern in der Krajina angesiedelt. Aber erst recht die bösen Wienbelagerer von 1529 und 1683: Sie waren jahrhundertelang auch Asylland – 1492 für die spanischen Juden; 1772, als sich die Habsburger einen Teil Polens holten, für Polen, für ukrainische Aufständische bis hin zu  T r o t z k i und v.a.
in der Nazizeit (z.B.George T a b o r i )  - das war die Kehrseite zu dem von Wien aus deklarierten „osmanischen Joch“. Um ein wenig Mischkultur und „Kampfzone Balkan“ zwischen Wien und Istanbul zu verstehen, muss man Ivo A n d r i c „Die Brücke über die Drina“lesen. Um etwas nachzufühlen über den gesamten Raum von hier bis Baku  - dies ist nämlich auch der Raum weit über die EU hinaus, wo die Rechtsprechung des „Europäischen Gerichtshofes für Menschenrechte“, (Strasbourg), Geltung hat – empfiehlt sich die spannende Lektüre von Tom  R e i s s „Der Orientalist“. Nicht verschwiegen darf aber werden, dass selbst in der Asylstadt Istanbul nach 1945 mehrere schwere Progrome gegen die griechische, armenische und jüdische Bevölkerung stattfanden ( was z.B. Orhan  P a m u k in „Istanbul“ anklagend aufzeigt und damit die Verfolgung wegen Schmähung des Türkentums riskiert) „Graue Donau, Schwarzes Meer“ heisst ein soeben erschienener Diskurs über 600 Seiten zu den Ost-West-Bezügen im öffentlichen Raum, von der Donau, die bekanntlich im Oberlauf auch ein wenig vom Bodenseewasser gespeist wird, bis Odessa am Schwarzen Meer und von Wien bis Istanbul, in dem der österr.Diplomat und UNO – Beauftragte für den Kosovo Wolfgang  P e t r i t s c h  darlegt: „Sich auf Historisches zu berufen, ob Christentum oder griechische Philosophie, kann auf Irrwege führen, aber auch bewusst machen, wie sehr Europa ein geistig-emotional-intellektuelles Gebilde ist, da sich territorial nicht deutlich abgrenzt.... Südosteuropa ist gleichsam ein Labor für die Probleme des 21.Jahrhunderts, weil es dort desperater als anderswo darum geht, historische Mythen und Stereotypen zu überwinden und neue  Gesellschaftsmodelle zu entwickeln..“  Ob wir bei unserer gesanglichen Reise von Istanbul nach Wien und zurück etwas davon mitbekommen  oder gar mittragen?

Dornbirn, am 16. Oktober 2008                               Günther Hagen

 

Wechseljahre

Szenen, Figurentheater, Texte und Chorkonzert zum Thema Wechseljahre; Kompositionen von Rolf Aberer, Gerold Amann, Michael Amann, Johanna Doderer, Monika Helfer, Peter Madsen, Wolfgang Mörth, Bettina Rein und Michael Worsch; Selbstironische Stimmungsbilder, zwanzig Jahre Chorpolitik und Entwicklung, Auseinandersetzung mit Scheitern und Wachstum, mit Vergänglichkeit und Lebensfreude.

Schwalbenkönig
Ein Stück über Fußball, kochende Volksseele,... – Mitwirkung beim Aktionstheater unter Martin Gruber

Vision Rheintal
Text, Musik: Ulrich Gabriel, Regie: Michael Worsch

Liebesspiele
Essay, Prosa, Lyrik – kommentiert und konterkariert durch Liebeslieder

Theaterprojekt mit dem Landestheater Vorarlberg  – „Der Herr Dirigent“

Klösterreise – „Locus iste – singend gegen die Zeit reisen“
Eine Klangreise zu 12 mitteleuropäischen Klöstern (verfilmt von Robert Polak und Wolfgang Mörth, VIDEO + DVD), Beschäftigung mit dem Ursprung unserer Kultur und Identität´

Uraufführung Gerald Futscher
Komponistenportrait, anspruchsvolle zeitgenössische Musik in Zusammenarbeit von Ensemble Sonus Brass, Ensemble Triage und Spielbodenchor Dornbirn

Das Albtraummännlein
Ein sprachunabhängiges Vokalstück nach einer Komposition von Gerold Amann, Inszenierung: Martin Gruber (Aktionstheater), CD

Hirbschtobscht
Lautmalerei im Ganzkörpergummi, regionalverankerte Gesellschaftskritik, VIDEO

Das Recht auf Faulheit
Ein Pamphlet wider den Arbeitswahn und für radikales soziales Engagement, CD

33 Wirtshauslieder, CD

Halleluja Aus Schluss Amen
19 Versuche, dem Ende näher zu kommen

Fremd sein ist ein Witz
Ein aleatorisches Chorspiel für 36 Jasskarten

Der Wagen rollt
Nazilieder und Widerstandslieder, CD


Ein klein wenig Chor-Philosophie, oder (wenn Sie wollen) „Politologie“

Als der Spielboden 1981 als Holding für die im Kopfbau der Dornbirner Stadthalle angesiedelten Kulturinitiativen wie Triangel, Jeunesses Musicales, Verein Offenes Haus, Literaturforum etc. gegründet wurde, äußerten einige Mitglieder meist männlichen Geschlechts den Wunsch, einen Chor der etwas anderen Art zu gründen – so im Sinne der Zielvorgaben des Vereins Auseinandersetzung mit dem engeren und weiteren Kulturraum Kulturelle Aktivierung aller Bevölkerungsschichten Förderung zeitgenössischen Kunstschaffens Förderung des homo ludens,   so als Gegensatz zum „homo faber“
Es bestand also von Anfang an ein durchaus gesellschaftspolitischer Ansatz, keine Fidulitas! Jedoch erst im Herbst 1987 gelang es einigen Frauen,  den schöpferischen Eros von Gaul zu wecken, sich auch noch in einem Chor zu verwirklichen – hatte er doch nicht nur Erfolge mit dem „Lockeren Singen“ sondern auch Erfahrung mit den Kirchenchören  Lustenau St.Peter u.Paul und Dornbirn St.Martin.
Gleich mit dem ersten Konzert 1988 brach der Chor mit einem seit 1945 gut gehüteten Tabu:  Nazi-Lieder und KZ-Lieder im Programm „Der Wagen rollt“ behandelte samt entsprechenden Begleittexten,  wie in gezielter Aufbereitung eines überheblichen Nationalismus die KZ- Bestialität entstehen konnte. „Böse Menschen haben keine Lieder“ wurde als dumme Naivität entlarvt . Lieder können Menschen manipulieren !

Schon das nächste Programm ging umgekehrt mit „Mondlieder“ auf die romantische Gegenseite, um allerdings am Schluss mit dem Lied der „Schmetterlinge“ aufzuzeigen, dass sich auch der Mond mit einer (roten) Sichel verdächtig machen kann in jener Zeit der Berufsverbote.

Als der Spielboden öffentlich aufrief, doch wieder öffentlich zu singen, und
Gaul die Forderung aufstellte, in jeder Gaststube sollte eine Gitarre hängen, setzte der SB-Chor nach mit einer sehr erfolgreichen Konzertreihe „Wirtshauslieder“.

Auf die Parole des Spielboden auf  Durchführung eines Stadtfestes, um die Leute vom Fernseher und Computer oder hinter dem Autoblech hervor-oder wegzulocken zur persönlichen Kommunikation ohne Konsumnötigung, sang der Chor in der Messepassage „Am Brunnen vor der Quelle“.
Text:“Am Brunnen vor der Quelle / liegt Dornbirns neue Welt / Da rauscht die Einkaufswelle / es klingt das viele Geld Und Dornbirns Käuferscharen/ sind an der Quelle hier/Es locken 1000 Waren/ Sie rufen: Konsumier! Sie rufen: Konsumier !“(Text Gaul)

Auf das Verbot des HOSI-Balles (Homosexuelleninitiative) antwortete der Chor mit „Dio sött ma alle“ und „Gummi schützt“.

Der Chor wagte sich auch in den Jazzbereich („Gala Evergreen“ mit der Big Band des Jazz Seminars Dornbirn) und denkt jetzt nach dem Tod von Joe Zawinul mit Wehmut an „Birdland“.

Gegen Jörg Haiders Ausländer = Schmarotzer-Hetze startete der Chor eine erfolgreiche Tournee „Fremdsein ist ein Witz“- Bist du fremd unter Heimischen, bist du heimisch unter Fremden?....

Mit den „Sonetti lussuriosi“von Pietro Aretino(1482-1556) erlaubte sich der Chor, frivol-erotische Lieder heraufzuholen aus dem endenden Mittelalter, um dem Sonett, dem Ständchen, die Ehre zu geben, bevor sie die Palmers- oder eine andere Werbung vereinnahmt hat.

„Halleluja Aus Schluss Amen“- welcher Chor wagt es, das Ende (den Tod?) zum Thema zu machen und profan anzusingen (und nicht wie gewohnt nur im Sakralen)? „Tu baves cochon, tu baves“(Du sabberst Schwein)- eine Komposition von Gerald Futscher zwang den Chor zu völlig neuen Stimmtechniken und Tönen. Eine gehörige Herausforderung.

Beim „Albtraummännlein“ von Gerold Amann unterwarf sich der Chor der Regie von Martin Gruber (Aktionstheater) und bildete- hinter einem Schleier- in weisser Unterwäsche einen fantastischen bis beängstigenden Klanghintergrund.

Mit „Locus iste – Singend gegen die Zeit reisen“ (Klösterreise) beendete Gaul 2003 seine Chorleitung. Nicht ohne Konflikt, denn er hatte vom Chor angesichts der Themenvorgaben mehr Engagement erwartet und sah bei vielen Chörler/innen eine Trittbrettfahrermentalität, die sich sonnte in der „Verruchtheit und Frechheit“ der behandelten Themen, ohne sich ent-
sprechend qualitativ anstrengen zu wollen. „Locus iste“ war 1500 Jahre Kirchengesang und somit – zumindest für die ersten tausend Jahre -   in Europa der weitaus dominierende Gesang gegenüber dem profanen Liedgut.
Der Chor stieß dabei nicht nur bei Bruckner ständig an seine Grenzen. Es war auch umgekehrt das Thema „Kirche“ bei manchen Chörler/innen ein Tabu negativer Art, das sie blockierte, „Kirchenlieder“ zu singen. - Politisch betrachtet schuf jedoch das vor 1000 Jahren über Europa gebreitete Netz von wohl tausend Klöstern die Organisation des verlässlichen, disziplinierten Menschen, mit dem in der Reformation an Stelle der (liquidierten) Klöster die Welt zum Kloster gemacht wurde – die Geburt des Kapitalismus, die Fabrikation des Schichtarbeiters (Max Weber; Heinz Steinert/Adolf Holl), die Eroberung der übrigen Welt.

Damit wurde aber eigentlich wieder ein Thema aufgegriffen, das bereits 1996 als Konzert Furore und Skandal machte: „Das Recht auf Faulheit“ – Arbeiterlieder und  die harschen Gegentexte gegen die Heiligung der Arbeit,verfasst vom Schwiegersohn von Karl MARX, nämlich Paul LAFARGUE; der wohl nicht zu Unrecht argumentiert, wenn menschlicher Fleiß und Erfindergeist schon die Maschine erfindet, die dem Menschen die Mühsal der Arbeit abnimmt und ihn wie nie zuvor in der Menschheitsgeschichte mit Gütern versorgt, warum kommen diese Güter nicht allen zugute ? Ein Thema, das gerade heute immer mehr Aktualität erhält (Grundlohn !).

Darüber hinaus gab es noch eine große Zahl von Konzerten neuer Kompositionen, nicht zu vergessen des Lieblingskomponisten Gerold Amann, des Frauenlieblings und geduldigen „Einstudierers“ Rolf Aberer, viele neue Kompositionen u.a. von Gaul,wie „Hirbschtobscht“, „Nomadenfisch“, „Ein Amen für die Tiere“ (- zur Schlachthauseröffnung), u.v.a. Mit dem Abschied von Gaul wandelte sich der Chor von einer autokratischen zu einer ( wie
es bisher scheint nicht ohne Erfolg) eher demokratischen Struktur. Und was singt der Chor danach ?  Die Gesangspartien im Theaterstück des Landestheaters „Der Herr Dirigent“ (Text M.Brida,Regie M.Worsch) und „Vision Rheintal“ – Zl.0.8/15/Abt.III-VI/saus-rein,Schwarzes Dramolett mit Fockalmusik (Text Ulrich Gabriel). Musik in beiden Stücken: Ulrich Gabriel !

Soll dies nun heissen, daß sich der Chor trotz seiner Verstoßung  von seinem Übervater nicht lösen konnte ? Oder ist es eher so, daß der Chor trotz dem kritischen Abgang von Gaul die Grösse hatte, auch Kompositionen von Gaul zu singen, wenn sie ins Konzept passten? Die weiteren „Performances“ – noch nicht so ganz bei den“Liebesspielen“- wohl aber bei der Uraufführung von Gerald Futschers Theatermusik  in Franzobels Fußballstück „Schwalbenkönig“
lassen eher auf die zweite Version schließen.

Mit den „Wechseljahren“ scheint der Chor nun tatsächlich seine Auftritte konsequent in Richtung „ themenzentrierte Performance“, wenn man das so nennen darf, weiter zu entwickeln.


Günter Hagen


Attachments

Kommentare und Rants

Kommentare unterstützt durch Disqus